Seit 2000 veranstaltet das Nürnberger Theater Mummpitz mit panoptikum alle zwei Jahre ein großes Festival des Kindertheaters aus Bayern und Europa, ein Theaterfest(ival) für Jung und Alt. Eine fünfköpfige Programmgruppe reist gut ein Jahr lang quer durch Europa und sichtet ca. 150 bis 200 Produktionen. Daraus werden mindestens zehn Inszenierungen aus möglichst vielen europäischen Ländern nach Nürnberg eingeladen. Zehn Theater aus Bayern bieten parallel dazu einen Einblick in die lokale und regionale Kindertheaterszene. Ein Rahmenprogramm mit Gesprächen, Begegnungen, Diskussionen und last but not least vielen Gelegenheiten zum Kennenlernen und Feiern rundet das Gesamtprogramm ab. Schön wars in Nürnberg vom 3.-8.2.2026! Danke für das tolle Festival!
Im Rahmen des Festivals panoptikum 2026 fand die Podiumsdiskussion "Aktuelle Situation in der Förderlandschaft",
Lobbyarbeit für das Kinder- und Jugendtheater wie kann das gelingen? am 5.2.2026 statt.
Gefördert durch FAIR P(L)AY
Grete Pagan (Intendanz Junges Ensemble Stuttgart) war dazu eingeladen und gab folgenden Impuls:
Zur aktuellen Lage – mal andersherum:
Was ist es, dass das Theater für junges Publikum derzeit am meisten gefährdet?
Die Antwort scheint klar: finanzielle Krisen - Kürzungen in den Kulturhaushalten auf allen
Ebenen: Kommunen, Länder und Bund.
Diese Antwort ist natürlich richtig - aber sie ist auch zu einfach, bleibt an der Oberfläche und
sie schiebt die Verantwortung alleine in Richtung Politik.
Natürlich trägt die Politik eine Verantwortung: Kürzungen sind IMMER eine Entscheidung.
was bedeutet – sie können immer auch anders getroffen werden. Auch (oder gerade) in
Situationen, in denen weniger Geld da ist, stellt sich doch die Frage WIE es verteilt wird. Auch
ein Sparhaushalt ist eine politische Handlung – auch mit weniger Geld kann ich gestalten.
Das wissen wir Theaterschaffende sehr genau, denn wir tun gerade (wie schon o\ in den
vergangenen Jahrzehnten) genau das.
Um allerdings in einer solchen Situation – ich habe weniger Geld als zuvor oder als erwartet –
in der Lage zu sein, planvoll und zukunftsorientiert zu handeln, muss ich eine Idee haben, wie
diese Zukunft aussehen soll. Um zu entscheiden, wo ich investiere, muss ich um die
Wirkungsmechanismen der Dinge wissen, muss die Möglichkeitsräume und Potentiale
kennen - aber vor allem muss ich eine Vision haben, wo wir hinwollen.
Ohne diese Vision bleibt mir der Rasenmäher – ein Ausdruck von Ratlosigkeit oder einem
fehlgeleiteten Gerechtigkeitsverständnis – der so lange über alles drüber mäht bis nur noch
die stärksten Halme überleben.
Das Theater für junges Publikum in Deutschland ist gefährdet durch fehlende
Zukunftsvisionen. Oder genauer: durch fehlende demokratische Zukunftsvisionen, denn dass
die Antidemokratischen Kräfte sehr klare Vorstellungen davon haben, wie die Zukunft
aussehen soll, das ist ja inzwischen klargeworden.
In finanziellen Krisensituationen werden zuletzt häufig Sätze gesagt wie „Jetzt müssen alle
sparen“. Ich möchte diese Logik in Frage stellen. Abgesehen davon, dass „alle“ nie wirklich
„alle“ heißt, halte ich es für falsch. Es ist meiner Meinung nach das eben erwähnte
fehlgeleitete Gerechtigkeitsverständnis:
Ich komme aus Schwaben, mit sparen kenne ich mich aus: sparen bedeutet, Geld zur Seite zu
legen damit ich später etwas davon habe – vielleicht sogar mehr. Es gibt aber in unserer
Gesellschaft Bereiche, in denen sparen nicht möglich ist. Denn wenn wir in der Kultur, oder in
den Bereichen Bildung oder Soziales, Gelder streichen – dann haben wir später davon nichts.
Im Gegenteil, es wird uns ein Vielfaches kosten. Das hat mit sparen nichts zu tun.
Das trifft natürlich nicht nur auf das Theater für junges Publikum zu, sondern auf die gesamte
Kulturlandschaft - Kultur im weiten Sinne, sprich Kulturvereine und Alltagskultur
eingeschlossen. Außerdem wie gesagt auch auf die Bildung (schulische und Außerschulische,
für alle Altersgruppen) und den umfassenden Bereich „Soziales“ unter den Dinge fallen wie
Jugendhilfe, Daseinsfürsorge, die Belange von Menschen mit Behinderung oder Programme
für Menschen mit Diskriminierungserfahrungen.
Diese Bereiche eint, dass sie dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft menschlich ist. Dass sich
möglichst alle gesehen und gehört fühlen. Dass die Rechte der Menschen und ihre Würde
geachtet werden.
Was für eine Vision von Gesellschaft der Zukunft haben wir, wenn wir in einer Krisensituation
von diesen Bereichen verlangen, Geld zu sparen?
Wissen wir, was wir da anrichten? Menschlich, aber auch gesellschaftlich und sogar
wirtschaftlich?
Entweder wir wissen es nicht, wollen es nicht wissen, es ist uns egal, nicht wichtig genug –
dann ist das Theater für junges Publikum als Teil der demokratiefördernden Infrastruktur
gefährdet durch Ignoranz.
Oder wir wissen es genau, halten es für vertretbar oder sogar richtig – dann ist es gefährdet
durch die Absicht, unsere Gesellschaft zu einer zu machen, in der alle nach sich selbst
schauen, Menschen fallen gelassen und an den Rand gedrängt werden, wenn sie das nicht
schaffen oder nicht passen oder zu viele Bedürfnisse haben.
Ich bin versucht zu überlegen, welche Antwort mir lieber wäre, aber es ist für uns an dieser
Stelle irrelevant, denn sie haben beide dieselben Folge – die fehlende Priorisierung von
Menschlichkeit und Solidarität GERADE in Krisenzeiten gefährdet das Theater für junges
Publikum.
Eine Gesellschaft, die sich nicht darauf einigen kann, dass die vulnerablen Gruppen eine
besondere Zuwendung brauchen, dass die Teilhabe aller selbstverständlich sein muss und
der Abbau von Barrieren deshalb unabdingbare Pflichtaufgabe ist, die verliert Kinder und
Jugendliche mit als erstes aus den Augen.
Kinder – also Menschen unter 18 sind in Deutschland eine Minderheit.
Sie sind eine so kleine Gruppe, dass sie politisch keine Rolle spielen.
Selbst wenn wir ein Wahlrecht ab Geburt hätten, würde sich daran nichts ändern. Kinder
machen nur 16,9% der Gesamtbevölkerung aus.
Es ist also leicht, sie zu übersehen, zu vergessen, oder abzuspeisen.
Es ist in Wahlkampflogik gedacht vollkommen richtig, sie möglichst zu ignorieren.
Das Theater für junges Publikum ist also doppelt gefährdet: weil es Theater ist und weil es für
junge Menschen ist.
Denn neben der (notwenigen und auch durchaus fruchtbaren) Relevanzdebatte um die
Theaterlandschaft, gibt es gibt keinen gesellschaftlichen oder politischen Konsens, dass
Kinder, als Minderheit UND als vulnerable Gruppe, besonders geschützt werden sollten.
Sonst wäre doch in Sparhaushalten Kinder- und Jugendkultur (und auch die entsprechenden
Programme in den Bereichen Bildung und Soziales) ausgenommen von Kürzungen.
Sonst würden Argumente gefunden (beziehungsweise aufgegriffen, denn wir liefern sie ja
immer auf dem Silbertablett) WARUM Investitionen in diesen Bereichen TROTZDEM
notwendig und richtig sind. Sowie es in anderen Bereichen wie Digitalisierung oder
Verteidigung ja auch der Fall ist. Manchmal sogar im Bereich Nachhaltigkeit.
Aber das passiert nicht.
Mir wurde gesagt ich soll nicht zu niederschmetternd sein in meinem Impuls – deshalb noch
ein Werbeblock:
Dass fehlende Priorisierung das Theater für junges Publikum so gefährdet, ist der beste
Beweis für seine Wirksamkeit.
Theater wollen Orte der Demokratie sein oder der Demokratischen Aushandlung. In der
Allgemeinheit habe ich meine Zweifel daran: nicht nur architektonisch sind die Bauten
traditionell eher Rückversicherungsorte der Eliten – auch die Kunstform ist in sich selbst zwar
kommunikativ aber nicht unbedingt demokratisch: 1000 Menschen, die neben und
hintereinander in einem Raum sitzen und 3 Stunden lang in die gleiche Richtung schauen,
von der aus ein oder mehrere Menschen zu ihnen sprechen – das ist noch kein
demokratischer, gemeinschaftsstiftender Moment.
Ein gemeinschaftliches Erleben zu schaffen, braucht die Hinwendung zum Menschen. Das
Publikum muss sich gemeint fühlen, gesehen, repräsentiert, herausgefordert.
Theater für junges Publikum kann das. Wir machen das. Schon immer. Es ist Teil unserer
DNA, unserer Existenz – und unserer Selbstbezeichnung: Theater FÜR junges Publikum.
Wir sind der Innovationsmotor der Theaterkunst.
Während die anderen Theater - mir fällt es zunehmend schwer eine Bezeichnung zu finden
für das Theater, welches nicht für junges Publikum ist: der Abendspielplan / das große Haus/
manchmal das richtige oder normale Theater – aber nie kommen die Menschen darin vor,
für die das Theater gemacht wird!
Während diese also gezwungenermaßen beginnen, darüber nachzudenken, wer in ihren
Einrichtungen fehlt - gehen wir schon wieder einen Schrie weiter und machen Theater MIT
jungen Menschen.
Teilhabe und Partizipation, Austausch und Ko-Kreation als künstlerische Praxis sind für uns
völlig selbstverständlich. Unser Publikum ist divers, es ist kritisch, offen, neugierig, sich
uneins, es spiegelt die Gesellschaft. Mit allen Herausforderungen, die sie hat – von der
Individualisierung bis zur Radikalisierung.
Es verlangt permanente Aufmerksamkeit von uns und macht ein Aufgeben unmöglich.
Pessimismus und Zynismus sind keine Option – deshalb ist unser Hauptweiterbildungsfeld
future literacy. Denn (ich zitiere Duncan McMillan in „All das Schöne“):
„Um in der Gegenwart zu leben, müssen wir in der Lage sein uns eine Zukunft vorzustellen,
die besser ist als die Vergangenheit. Weil man das Hoffnung nennt. Und ohne Hoffnung
können wir nicht weitermachen.“
